Anonymität ist kein technisches Merkmal mehr. Sie ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Eine, die gerade getroffen wird.
Clearview AI hat drei Milliarden Gesichtsbilder aus dem Internet gescrapt, ohne Einwilligung, ohne Ankündigung. Polizeibehörden in über 30 Ländern nutzen das System. Ein Foto in der Öffentlichkeit reicht, um eine Person mit hoher Wahrscheinlichkeit zu identifizieren. Das ist keine Hypothese über die Zukunft. Das ist die Gegenwart.
Der Databroker-Markt macht über 200 Milliarden Dollar Jahresumsatz mit dem Kauf und Verkauf persönlicher Daten. Interessen, Verhaltensweisen, Bewegungsprofile, Kaufhistorie, soziale Verbindungen, alles ist dokumentiert, aggregiert, handelbar. Die meisten Menschen wissen es abstrakt. Kaum jemand versteht das konkrete Ausmaß.
Deepfake-Pornographie ist das brutalste Beispiel für den Missbrauch dieser Technologie. 90 Prozent aller Deepfake-Videos sind nicht-konsensuell, sexuell, und betreffen fast ausschließlich Frauen. Das ist keine Randerscheinung. Das ist eine massenhafte, technisch erleichterte Form von Belästigung und Nötigung.
Die EU DSGVO war der erste ernsthafte Versuch, Datenschutz rechtsverbindlich zu machen. Die Durchsetzung ist lückenhaft. Das Grundprinzip, dass Daten den Personen gehören und nicht den Unternehmen, ist richtig. Ob es sich technisch und politisch durchsetzen lässt, ist noch offen.
Anonymität im öffentlichen Raum stirbt. Nicht als dramatischer Akt, sondern als schleichender Prozess. Gesichtserkennung, Ganganalyse, Cross-Platform-Tracking, Verhaltensanalyse. Die Kombination dieser Technologien macht es technisch möglich, eine Person fast überall zu identifizieren und zu tracken. Das ist in autoritären Staaten bereits Realität. In demokratischen ist es eine Frage der Entscheidung.
Identität wird formbar. Synthetische Identitäten, manipulierte Lebensläufe, KI-generierte Social-Media-Profile. Das schafft neue Möglichkeiten für Betrug, aber auch für Schutz vor Verfolgung. Die Technologie ist neutral. Die Konsequenzen sind es nicht.
Die eigentliche Verschiebung: Unternehmen wissen mehr über uns als wir selbst. Was wir interessant finden, wann wir schlafen, wie wir Entscheidungen treffen, womit wir uns am leichtesten beeinflussen lassen. Das Wissen ist asymmetrisch. Und asymmetrisches Wissen ist Macht.
Wenn Privatsphäre technisch kaum noch durchsetzbar ist: Was ist der gesellschaftliche Wert, den wir trotzdem schützen wollen? Und sind wir bereit, dafür auf Komfort zu verzichten?