Seelsorge, Gebet, Glaubensvermittlung. KI dringt auch dorthin vor, wo es um das Innerste geht.
Im Kodaiji-Tempel in Kyoto predigt seit 2019 eine KI-Buddhistin namens Mindar. Sie bewegt sich, spricht, beantwortet Fragen. Ihre Schöpfer sagen: KI kann die Essenz des Buddhismus vermitteln, ohne Ego, ohne Eigeninteresse. Kritiker fragen: Was bleibt vom Heiligen, wenn es algorithmusgesteuert ist?
Der Vatikan hat reagiert. Die "Rome Call for AI Ethics", zuerst 2020, 2023 aktualisiert, war die erste religiöse Institution weltweit, die KI-Entwicklung aus einer Ethikperspektive öffentlich adressiert hat. Das Papier unterscheidet zwischen KI als Werkzeug und KI als Akteur, eine Unterscheidung, die in der Theologie fundamental ist.
Millionen Menschen nutzen heute ChatGPT und ähnliche Modelle für spirituelle Reflexion. Sie tippen Fragen, die sie keinem Menschen stellen würden. Über Sinn, über Tod, über Schuld. Die Modelle antworten ohne Urteil, ohne Erschöpfung, ohne Terminkalender. Das ist kein Ersatz für echte Seelsorge. Aber es ist für viele der erste Schritt dorthin.
In evangelischen Gemeinden in Deutschland gibt es erste Pilotprojekte mit KI-gestützter Predigtunterstützung. Der Ansatz: KI-generierte Erstentwürfe, überarbeitet von Pfarrern. Die Grenze zwischen Werkzeug und Stimme verschwimmt.
Religiöse Praxis individualisiert sich weiter. KI macht den personalisierten spirituellen Begleiter möglich, jederzeit, in jeder Sprache, für jeden Glauben, ohne institutionellen Rahmen. Das gefährdet Institutionen. Und das ist nicht nur schlecht.
Institutionen haben immer auch Macht ausgeübt: die Deutungshoheit über das Heilige. Wer bestimmt, was richtig und falsch ist, was Heil bedeutet, wie Gott angesprochen werden will, das war immer auch eine Machtfrage. KI, die diese Funktion individualisiert, entzieht sie den Institutionen. Die Frage ist, was sie stattdessen entstehen lässt.
Die tiefste theologische Frage, die KI aufwirft, ist nicht "Kann KI beten?", die ist einfach. Es ist: "Was ist Bewusstsein, und ist es notwendig für das Heilige?" Das ist eine Frage, auf die Religionen seit Jahrtausenden unterschiedliche Antworten haben. KI macht sie dringlicher.
Wenn KI spirituelle Begleitung anbietet, die empathischer und zugänglicher ist als manche institutionelle Seelsorge: Was ist dann noch das Unverwechselbare am menschlichen Glauben? Und was verliert eine Gesellschaft, wenn religiöse Institutionen ihre Deutungshoheit an Algorithmen abgeben?